Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

ich freue mich sehr, Sie heute abend hier im Römer herzlich willkommen heißen zu können. Wie viele von Ihnen bereits bemerkt haben, haben wir den Kreis der Gäste gegenüber den Industrieabenden der vergangenen Jahre erweitert und erstmals Persönlichkeiten aus der Telekommunikations- und Informationstechnologie-Wirtschaft dazu geladen. Dabei haben wir uns von der Erkenntnis leiten lassen, dass die Industrie von heute ohne IT und TK-Infrastruktur nicht denkbar ist. Dieser engen Symbiose wollten wir mit dem neuen Format Rechnung tragen. Der “Wirtschaftsabend für Industrie, Telekommunikation und Informationstechnologie” steht also in der Tradition des Industrieabends, bringt aber die Veränderungen in der modernen Industrie zum Ausdruck und unterstreicht die Bedeutung dieses Komplexes für den Standort Frankfurt.

Trotz des weiteren Abbaus der Arbeitsplätze gehört die Industrie für sich allein genommen mit rund 53.000 Beschäftigten nach wie vor zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen in unserer Stadt. Leider geben die amtlichen Statistiken so gut wie keinen Aufschluss über die Beschäftigungsentwicklung in der Telekommunikations- und IT-Wirtschaft. Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Unterlagen können wir lediglich feststellen, dass die Zahl der Unternehmen in den beiden Bereichen kräftig gestiegen ist. Im letzten Jahr waren im Stadtgebiet rund 3.800 IT-Unternehmen und rund 300 Telekommunikations- Unternehmen registriert. Eine aktuelle Auswertung der Green Card-Statistik unterstreicht die Bedeutung der IT-Branche für Frankfurt und deckt auf, wo die räumlichen Schwerpunkte der IT-Wirtschaft in Deutschland liegen. Sie liegen nämlich in Bayern und da im Münchener Raum – das wundert niemanden, – und in Hessen, hier vor allem in der Region FrankfurtRheinMain, und das ist viel zu wenig bekannt. Auf diese beiden Länder entfallen über 50 % der ausgestellten Green Cards. Andere Standorte, wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg fallen dem gegenüber deutlich ab.

Meine Damen und Herren,
die Wirtschaftslage in Deutschland ist im höchsten Maße unbefriedigend und die Perspektiven für die nächste Zeit nicht gerade günstig.
Die schwache Weltkonjunktur, vor allem die Entwicklung in den USA, verstärkt durch die schrecklichen Ereignisse des 11. September, aber vor allem auch nicht erledigte Hausaufgaben hierzulande lassen den deutschen Wirtschaftsmotor stottern, die Arbeitslosigkeit wieder steigen (4,3 Mio. Arbeitslose im Januar), und Deutschland zum wirtschaftlichen Schlusslicht der Europäischen Union werden. “Notstandort Deutschland” titelte jüngst die Welt am Sonntag nicht ganz zu Unrecht.

Der Frankfurter Raum, obwohl er eine robuste Wirtschaftsstruktur aufweist und über viele Standort-Vorteile verfügt, kann vor diesem Hintergrund keine Insel der Seligen sein. Zur Zeit verzeichnen wir ein Nebeneinander von negativen, aber erfreulicherweise auch positiven Signalen. Lange entwickelte sich der Arbeitsmarkt entgegen dem Trend im Bundesgebiet. Erst seit dem letzten Dezember verzeichnet auch Frankfurt wieder einen Anstieg der Arbeitslosen-Zahlen. Nach wie vor gibt es aber nicht nur Fachkräfte-Mangel, sondern auch Arbeitskräfte-Mangel. Qualifizierung, genauer bedarfsgerechte Qualifizierung wird zum strategischen Schlüssel einer erfolgreichen Arbeitsmarkt-Politik. Dies betrifft Arbeitslose gleichermaßen wie Beschäftigte. Wenn der Satz richtig ist, dass der Wert eines Unternehmens – ein effizientes Management vorausgesetzt – maßgeblich von seinen Mitarbeiter bestimmt wird, und wenn es stimmt, dass der technische Fortschritt an Tempo gewinnt, dann wird Human Capital Investment betriebswirtschaftlich wie volkswirtschaftlich immer wichtiger. Die städtische Wirtschaftsförderung engagiert sich deshalb im Rahmen der hessischen Qualifizierungsoffensive mit dem Projekt “Betriebe investieren in Qualifizierung” und versucht, gemeinsam mit den kleinen und mittleren Unternehmen und den entsprechenden Wirtschaftsvereinigungen, Lösungen zu finden und anzubieten.

Es gibt aber auch gute Nachrichten, die für die lokale Entwicklung zu Hoffnung Anlass geben. Über die günstige Entwicklung in der IT- und TK-Wirtschaft habe ich bereits eingangs gesprochen. In Frankfurt wird gebaut wie kaum zuvor. So wurde im letzten Jahr ein Bauvolumen von mehr als 1,4 Milliarden € von der Bauaufsicht genehmigt, das waren über 23 % mehr als in 2000. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit der Bauanträge konnte dabei von 97 Kalendertagen in 2000 auf 87 Kalendertage in 2001 gesenkt werden. Das letzte Jahr war ein Jahr der Hochhäuser. Fünf Projekte wurden genehmigt, darunter die Deutsche Bank in der Theodor-Heuss-Allee und die Dresdner Bank in der Gallusanlage. Gebaut wird gerade auch das IBC – Investment Banking Center der Deutschen Bank direkt gegenüber der Messe. Die EZB hat sich für die Verlagerung auf das Gelände der Großmarkthalle entschieden. Auch das Europaviertel mit dem UEC (Urban Entertainment Center) kommt (endlich) voran; erste Bauanträge sind zu Beginn des Monats von Vivico Real Estate gestellt worden. Auch das Raumordnungsverfahren zum Flughafen-Ausbau ist inzwischen eingeleitet. Seit Anfang des Jahres konnten drei US-Unternehmen hier angesiedelt werden.

Die Planungen zum Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie, über das ich beim letzten Industrieabend berichtet habe, befinden sich in der Umsetzung. Das Zentrum ist ein Leitprojekt der industriepolitischen Bemühungen, die Entwicklung der Biotechnologie-Wirtschaft in der Rhein-Main-Region zu unterstützen und zu beschleunigen. Das Land Hessen und die Stadt Frankfurt finanzieren gemeinsam das Zentrum über ein Leasingmodell.
Es wurde ein europaweiter Investitions-Wettbewerb durchgeführt. Das Interesse war groß. 35 Investorengruppen waren an der Realisierung des Projektes interessiert. Acht wurden ausgewählt. Diese haben Ende der vorletzten Woche ihre Wettbewerbs-Beiträge abgeliefert. Die Konzepte werden jetzt analysiert und vergleichbar gemacht. Am 22. März wird das Preisgericht entscheiden. Ziel ist es, im Herbst 2003 das Zentrum in Betrieb zu nehmen. Es wird am Niederurseler Hang in unmittelbarer Nachbarschaft zu zahlreichen biowissenschaftlichen Einrichtungen der Johann Wolfgang Goethe-Universität und dem Max-Planck-Institut für Biophysik stehen und in der ersten Stufe über 5.000 qm Mietfläche verfügen. Nächste Woche entscheiden wir über die Geschäftsführung des Zentrums.

Natürlich sind wir auch in anderen Bereichen aktiv und wollen die Attraktivität Frankfurts zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft weiter steigern. Ich nenne schlagwortartig aus den unterschiedlichsten Bereichen:
Frankfurter Innenstadt – Zeil (auch wenn es von großer Bedeutung ist, denke ich da nicht nur an das letzte Woche verkaufte Telekom-Grundstück), Berliner Straße, Kulturmeile Braubachstraße – Verlagerung der Universität ins Westend – Ausbau der Messe – die neue ICE-Trasse Köln-Frankfurt, die nächstes Jahr in Betrieb genommen wird – Neubau einer multifunktionalen Fussball-Arena mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2006 und das Großprojekt “Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2012”. Das sind alles sehr erfreuliche Projekte, die dafür stehen, dass Frankfurt, der Frankfurter Raum ausgezeichnete Entwicklungsperspektiven hat. Dass dies auch viele Top-Manager so sehen, wird durch die Aussagen von Personalberatern belegt, die darüber klagen, dass dieser Personenkreis “schwer aus Frankfurt wegzubringen” ist.

Wir sind offen für neue wirtschaftliche Entwicklungsimpulse nicht nur aus dem Dienstleistungs-Sektor, sondern auch ganz besonders aus der Industrie. Nach den Erschütterungen durch den Umbau des Hoechst-Konzerns lässt sich heute sagen, dass im Industriepark Höchst mehr investiert wird und inzwischen wieder ebenso viele Menschen dort arbeiten wie zu Zeiten der Hoechst AG. Über dieses hervorragend erschlossene Industriepark-Gelände hinaus gibt es weitere, kurzfristig wie mittelfristig verfügbare Flächen, darunter das neue, 60 Hektar große Gewerbegebiet “Am Martinszehnten” im Norden der Stadt.
Was die Entwicklung als Immobilienstandort insgesamt betrifft, zählt Frankfurt nach Einschätzung der Immobilienbranche trotz des vergleichsweise kleinen Stadtgebiets zu den vermietungsstärksten Städten in Deutschland.

Der Frankfurter Raum bietet die Vorteile der zentralen Lage, eines hervorragenden geschäftlichen Umfeldes und eines starken regionalen Marktes. Es sind Vorteile, die allen Wirtschaftsbereichen zugute kommen können. Man muss sie nur nutzen.

Meine Damen und Herren,
ich habe zu Beginn über das symbiotische Verhältnis von Industrie, Telekommunikation und Informationstechnologie gesprochen. Unser heutiger Gastredner ist Herr Christian Hufnagl, Vorsitzender der Geschäftsführer von T-Systems International GmbH. Seine Karriere hat ihn durch so interessante Unternehmen wie IBM, SEL, Unisys, Amdahl Germany und Deutsche Telekom geführt, bevor er 1999 Chairman der Deutsche Telekom Systemlösungen GmbH wurde. Seit 2001 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der im Rahmen der Vier-Säulen-Strategie der Deutschen Telekom geschaffenen T-Systems International. T-Systems ist Europas zweitgrößtes Systemhaus, das sich auf den schnell wachsenden Markt konzentriert, der sich aus der Konvergenz von Telekommunikation und Informationstechnologie entwickelt. Wir freuen uns sehr dass dieses Unternehmen seinen Sitz in Frankfurt hat.
Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Ihnen, Herr Hufnagl, denn mir ist bekannt, dass Sie an dieser Entscheidung “pro Frankfurt” maßgeblichen Anteil hatten.

Ebenfalls danke ich Ihnen für Ihre Bereitschaft, Gastredner des heutigen Abends zu sein. Ich weiß, dass es Ihre grundlegende Überzeugung ist, dass in allen Bereichen der Wirtschaft Technologien, Netze, Produkte, Serviceleistungen und in der Folge ganze Märkte zusammenwachsen. Ich bin deshalb sehr gespannt, was Sie uns zum Thema “Konvergenz – Potenzial und Wirklichkeit in der Industrie” zu sagen haben.

Damit übergebe ich Ihnen das Mikrofon und bedanke mich für Ihrer aller Aufmerksamkeit.


Drucken