Frankfurt hat mit dem im November eröffneten “Institut Français d’Histoire en Allemagne” eine neue und zugleich einzigartige interkulturelle Institution hinzugewonnen. Unter den sieben deutschen Universitäten, die sich um dieses renommierte, vom französischen Außenministerium finanzierte Forschungsinstitut bewarben, machte die Goethe-Universität das Rennen.

(pia, 15.12.2009) – In dem auf dem alten Bockenheimer Campus angesiedelten Institut Français d’Histoire en Allemagne wurden zwei Einrichtungen vereint, die zuvor separat agierten: die bis dato in Göttingen beheimatete “Mission Historique Française en Allemagne” und das traditionsreiche “Institut Français de Francfort”. Weltweit gibt es nun, von Hongkong über Kabul bis Tunis, 27 französische Forschungsinstitute im Ausland. “Ich empfinde ein großes Vergnügen, das neue Institut zu leiten”, sagt Leiter Thomas Lienhard, der bereits der Göttinger Einrichtung als Direktor vorstand. Sein wissenschaftliches Team besteht aus fünf Mitarbeitern, ab Sommer werden es acht sein.

#fa#Deutsch-französische Debatten – sexy und informativ#fe#
“Unser Begriff von Historie ist sehr weit: Er umfasst eigentlich alles, was mit kulturellen Ereignissen in der Vergangenheit – auch in der jüngsten – zu tun hat”, erläutert Lienhard. In der Verbindung von Geschichte und Kultur sieht er neue Chancen. “Für die französische Geschichte gibt es auf diese Weise mehr Möglichkeiten der Verbreitung”. Die Auffassung von Geschichte sei in Frankreich und in Deutschland sehr unterschiedlich, sagt der Institutsleiter. “Wegen der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus behandelt man in Deutschland Geschichte immer sehr kritisch”. In Frankreich hingegen, meint er, “gibt es ein größeres Kontinuitätsgefühl zwischen Vergangenheit und der neueren Welt”. Spannend angesichts der mentalen Unterschiede dürften deshalb die geplanten deutsch-französischen Debatten werden. Jeden Monat möchte Lienhard zu ihnen einladen. Im Wechsel wird es um neueste wissenschaftliche Erkenntnisse “zu sehr spezifischen Themen” gehen und zu solchen, “die besonders sexy sind”. Sexy, sagt Lienhard, sei das, “was viele interessiert, weil sie es in Verbindung bringen können mit etwas anderem in ihrem Leben”. Um nicht Gefahr zu laufen, sich im Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften zu verrennen, werden auf dem Podium außerdem grundsätzlich nur Historiker, Politologen und Soziologen Platz nehmen, “die auch wissen, was im letzten Monat im Kabinett von Sarkozy besprochen wurde”.

#fa#Viele Bücher und eine Geschichtszeitschrift mit Lust-Faktor#fe#
Vier vom Institut erarbeitete Fachbücher will Lienhard pro Jahr veröffentlichen, fünf bis zehn weitere wissenschaftliche Bücher hausfremder Autoren zudem jährlich fördern. Zu den zahlreichen Vorhaben des Institutsleiters zählt auch die Herausgabe einer Zeitschrift rund um Geschichtsthemen. In Deutschlands Nachbarländern gebe es eine ganze Reihe von Zeitschriften, die sich der Geschichte populärwissenschaftlich näherten, in Deutschland selbst klaffe hier noch “eine editoriale Lücke”. Wie diese Zeitschrift aussehen wird, davon hat Lienhard bereits eine gewisse Vorstellung: “Absolut wissenschaftlich” soll sie sein, “optisch ansprechend” und “lustvoll”. Lienhard zeigt auf sein zugegebenermaßen eher farbloses, ausgesprochen nüchternes Büroinventar, sagt: “Wenn alles so aussieht wie hier, dann kommen die Leute doch nicht!”

#fa#Frankfurts Universität – lebendig und temporeich#fe#
Wo man das neue Institut errichten wollte, sei lange unentschieden gewesen. Sieben Universitäten standen als Standort zur Diskussion. “Auf Frankfurt fiel die Wahl wegen der universitären Dynamik”. Die Goethe-Universität, sagt Lienhard, sei im Vergleich mit anderen Hochschulen “nicht riesig und auch nicht sehr alt”, doch, so der Institutsleiter, “vielleicht ist sie ja gerade deshalb so extrem dynamisch”. Fast an jeder alten großen deutschen Universität, sagt Lienhard, gebe es thematische Schulen und “irgendwann führen die zu Blockaden”. Frankfurt bilde eine erfreuliche Ausnahme: “Hier ist der Rhythmus schneller, Fragestellungen ändern sich rapider”.

#fa#Jazzkonzert und Benjamin-Vortrag#fe#
Noch etwas anderes gefällt dem Historiker: Frankfurts “Lust am Internationalen”. Jedes Museum in Frankfurt sei “in der Lage, eine rein französische oder italienische Ausstellung zu realisieren”. Ein französisches Museum dürfte dies nur selten schaffen, sagt Lienhard. Und: “Ich bin schon erstaunt, was ich hier in Frankfurt alles über mein eigenes Land lernen kann”. Genau hier, bei Ausstellungen, aber auch bei Konzerten mit französischen Künstlern im Mittelpunkt, setzt die Arbeit seiner Kollegin, der Kulturbeauftragten Céline Lebret, an. Sie organisiert französische Museumsführungen, Vorträge, stellt Kontakte zwischen Kultureinrichtungen und interessierten Schulen her. Bereits zu Gast war Gerard Raulet, der in der Romanfabrik einen Vortrag über Walter Benjamin hielt. Im März fördert das Institut Français d’Histoire en Allemagne ein französisches Jazzkonzert in der Brotfabrik, im Juni lädt es in Kooperation mit der Frankfurter Oper, die die Berlioz -Oper “La damnation de Faust” aufführt, zu einem Vortrag mit der Berlioz-Expertin Cécile Reynaud ein.

Weitere Informationen: Dr. Thomas Lienhard, Institut Français d’Histoire en Allemagne; Tel. 069/798- 31900, E-Mail: thomas.lienhard@institut-francais.frDie.

Autorin: Annette Wollenhaupt


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